Journal23. August 2026
Feature

Ein Tag zwischen Gletschern, Orcas und Seeottern

Von Seward hinaus in die Kenai Fjords, ein spektakulärer Tag an Alaskas Küste

Kenai Fjords · Unterwegs von 09:34–22:42
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Transiente Orcas tauchen gemeinsam im offenen Golf von Alaska auf.
Transiente Orcas tauchen gemeinsam im offenen Golf von Alaska auf.

Noch einen Tag zuvor sah es nicht danach aus, als würde das Wetter bei unserer geplanten Tour mitspielen. Von Seward aus waren wir in Richtung Exit Glacier gefahren. Schon auf dem Weg dorthin regnete es nahezu ununterbrochen, die Wolken hingen tief über den Bergen und große Teile der Landschaft verschwanden immer wieder im Grau.

Am Besucherzentrum entschieden wir uns deshalb für eine der kleineren Runden auf Talhöhe. Bei dem starken Regen hielt sich unsere Motivation, noch weiter aufzusteigen, ziemlich in Grenzen. Viel zu sehen gab es ohnehin nicht: Der Gletscher und die umliegenden Berge verschwanden größtenteils hinter Wolken und Niederschlag.

Für den nächsten Tag machte uns das nicht gerade optimistisch. Eine lange Bootstour hinaus in die Kenai Fjords war geplant, und am Abend rechneten wir eher mit einem weiteren Tag unter grauem Himmel.

Vom Dauerregen zum perfekten Morgen

Doch als wir am nächsten Morgen aufwachten, hatte sich das Wetter vollständig verändert. Keine tiefen Wolken mehr, kein Regen. Über Seward spannte sich ein blauer Himmel, und die Berge rund um die Stadt waren plötzlich vollständig zu sehen. Nach dem Vortag hätte der Kontrast kaum größer sein können.

Voller Erwartungen machten wir uns auf den Weg zum Hafen. Nach einem erstaunlich aufregenden 35-minütigen Spaziergang durch Seward erreichten wir schließlich unser Boot.

Hinaus durch die Resurrection Bay

Vom Hafen aus führte die Route zunächst hinaus in die Resurrection Bay. Schon wenige Minuten nach dem Ablegen tauchten überall die für die Region typischen Dreizehenmöwen, Black-legged Kittiwakes, auf. Sie begleiteten uns über weite Teile der Fahrt, flogen dicht über dem Wasser oder saßen auf den Felsen entlang der Küste.

Es dauerte nicht lange, bis die ersten größeren Tiere folgten. Auf einem Felsen an der Küste saß ein Weißkopfseeadler, während weiter draußen bereits die ersten Seevögel auf dem Wasser zu erkennen waren.

Je weiter wir Seward hinter uns ließen, desto eindrucksvoller wurde auch die Landschaft. Dicht bewaldete Berghänge fielen direkt ins Meer, während darüber noch Schnee und Eis lagen. Immer wieder öffneten sich kleine Buchten zwischen den Bergen.

Wenig später erreichten wir einen Bereich mit zahlreichen Hornlunden. Die kleinen Papageitaucher flogen zwischen den Felsen und dem offenen Wasser hin und her und waren eines der ersten wirklichen Highlights der Tour. Gerade im Flug sind Puffins erstaunlich schwer zu fotografieren: klein, schnell und mit einem Flugstil, der eher nach hektischem Flügelschlagen als nach elegantem Segeln aussieht.

Doch selbst zu diesem Zeitpunkt hatten wir den geschützten Bereich der Resurrection Bay noch nicht vollständig verlassen. Vor uns lag der offene Golf von Alaska.

Weißkopfseeadler über der Resurrection Bay.
Weißkopfseeadler über der Resurrection Bay.
Hornlund im Flug mit Fischen.
Hornlund im Flug mit Fischen.

Immer weiter hinaus

Als wir die Resurrection Bay hinter uns ließen, änderte sich die Szenerie deutlich. Die Berge an der Küste wurden langsam kleiner und um uns herum befand sich immer mehr offenes Wasser.

Unsere Kapitänin hielt weiter nach draußen. Und weiter. Irgendwann konnten wir uns an Bord nicht mehr wirklich erklären, wohin wir eigentlich fuhren. Weit und breit war zunächst nichts zu sehen. Die Küste lag inzwischen deutlich hinter uns und der Horizont bestand fast ausschließlich aus Wasser.

Offenbar hatte die Crew jedoch Informationen über eine Sichtung erhalten. Nach einer Weile erschien plötzlich eine dunkle Rückenflosse auf dem Wasser. Dann noch eine. Orcas.

Wir hatten tatsächlich das Glück, auf eine Gruppe Transient Orcas zu treffen. Für mehrere Minuten konnten wir die Tiere beobachten, während sie sich durch das offene Meer bewegten. Immer wieder erschienen Rücken und Rückenflossen an der Oberfläche, verschwanden für einige Sekunden und tauchten anschließend an einer anderen Stelle wieder auf.

Es war keine dieser Sichtungen, bei denen ein Tier einmal in weiter Entfernung auftaucht und anschließend wieder verschwindet. Wir konnten die Orcas für einige Zeit begleiten und beobachten, wie sich die Gruppe durch das Wasser bewegte. Spätestens jetzt erklärte sich auch, warum unsere Kapitänin uns so weit hinaus auf den offenen Ozean gebracht hatte.

Nach einigen Minuten ließen wir die Orcas schließlich hinter uns und drehten wieder in Richtung Küste.

Ein anderer Moment in der Aialik Bay

Unser nächstes Ziel war die Aialik Bay. Nach dem offenen Golf von Alaska kamen die Berge wieder näher. Die Landschaft wurde enger und die vergletscherten Hänge der Kenai Peninsula bestimmten zunehmend das Bild.

Bis dahin hatte sich an diesem Morgen eine außergewöhnliche Sichtung an die nächste gereiht. Umso größer war der Kontrast zu dem, was wir kurz darauf sahen. Im Wasser befand sich ein Buckelwal, der sich in Fischereigerät verfangen hatte.

Nach all den schönen Beobachtungen zuvor war es ein bedrückender Anblick. Ein Tier, das man normalerweise mit einer der beeindruckendsten Wildlife-Begegnungen überhaupt verbindet, befand sich plötzlich sichtbar in Schwierigkeiten. Die zuständigen Stellen wurden verständigt, und wir leiteten einige unserer Fotos weiter, auf denen die Situation möglichst gut zu erkennen war.

Es war sicherlich nicht der Moment des Tages, an den man sich am liebsten erinnert. Trotzdem gehörte auch diese Begegnung zu dem, was wir draußen gesehen hatten, und war eine deutliche Erinnerung daran, dass das Meer hier nicht nur spektakuläre Landschaft und Wildtiere bedeutet. Schließlich setzten wir unsere Fahrt fort. Vor uns lagen die Gletscher.

Der Buckelwal, der sich in Fischereigerät verfangen hatte.
Der Buckelwal, der sich in Fischereigerät verfangen hatte.

Unter dem Holgate Glacier

Je weiter wir in die Fjorde hineinfuhren, desto stärker veränderte sich die Landschaft. Wälder und dunkle Berghänge wichen zunehmend nacktem Fels, Schnee und Eis. Schließlich erreichten wir den Holgate Glacier.

Nach den vielen Tierbeobachtungen zuvor war dies ein völlig anderer Höhepunkt des Tages. Vor uns erhob sich die massive Gletscherfront, dahinter führte das Eis weit hinein in die Berge. Über den umliegenden Hängen lagen weitere Gletscher, darunter Little Holgate und Surprise Glacier. Auf dem Wasser trieben kleinere Eisstücke, während über uns fast ausschließlich Fels, Schnee und Eis zu sehen waren.

Erst hier wurde deutlich, welche Dimension diese Landschaft eigentlich hat. Vom Boot aus wirkt selbst ein großer Gletscher zunächst überraschend schwer einzuschätzen. Ohne Häuser, Straßen oder Bäume als Größenvergleich fehlt praktisch jeder vertraute Maßstab. Erst wenn man die kleinen Boote vor der Eisfront oder einzelne Felsformationen betrachtet, wird klar, wie groß die Berge und Gletscher tatsächlich sind.

Für einige Zeit blieb das Boot vor dem Eis liegen. Nach Orcas, Puffins und Adlern war plötzlich nicht mehr ein einzelnes Tier das Zentrum der Aufmerksamkeit. Es war einfach die Landschaft selbst.

Die breite Front des Holgate Glacier unter klarem Himmel.
Die breite Front des Holgate Glacier unter klarem Himmel.

Seeotter auf dem Weg zurück

Irgendwann mussten wir uns wieder auf den Weg Richtung Seward machen. Auch auf der Rückfahrt blieb es allerdings nicht ruhig.

Zwischen den Fjorden begegneten uns noch Seehunde, während auf dem Wasser schließlich mehrere Seeotter auftauchten. Einige lagen nahezu regungslos auf dem Rücken und ließen sich zwischen den Wellen treiben.

Gerade nach dem massiven Holgate Glacier wirkte diese Begegnung fast wie ein ruhiger Abschluss des Tages. Statt weit entfernten Orcas auf dem offenen Pazifik lagen nun kleine Seeotter vor uns auf dem Wasser, eingerahmt von den Bergen der Kenai Fjords. Während wir weiter Richtung Resurrection Bay fuhren, begleiteten uns erneut zahlreiche Seevögel.

Dann gab es noch einen letzten Höhepunkt. Über uns tauchten mehrere große Silhouetten auf. Vier Weißkopfseeadler kreisten gleichzeitig über dem Boot. Nach allem, was wir an diesem Tag bereits gesehen hatten, war es ein ziemlich passender Abschluss.

Als wir schließlich wieder in Seward einliefen, lagen hinter uns der offene Golf von Alaska, vergletscherte Fjorde und eine kaum vorstellbare Vielfalt an Wildtieren, von Puffins und Seeottern bis zu Orcas und Buckelwalen.

Noch rund 24 Stunden zuvor hatten wir im Dauerregen am Exit Glacier gestanden und uns gefragt, ob unsere Tour am nächsten Tag überhaupt etwas werden würde. Einen Tag später war daraus einer der eindrücklichsten Tage unserer Zeit in Alaska geworden.

Seeotter an der Wasseroberfläche.
Seeotter an der Wasseroberfläche.
Harbor Seals auf den Felsen während der Rückfahrt.
Harbor Seals auf den Felsen während der Rückfahrt.

Neu und fotografiert

An diesem Tag

Hornlund 20Weißkopfseeadler 14Trottellumme 10Dreizehenmöwe 9Gelbschopflund 7Ohrenscharbe 6Marmelalk 5Nashornalk 4Meerscharbe 4Odinshühnchen 4Dunkelsturmtaucher 3Taubenteiste 2Höckersamtente 2Beringmöwe 2Kragenente 1Bonapartemöwe 1
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